Priorkreuz im Hohen Venn
Sommerzeit ist Wanderzeit. Der Rucksack ist gepackt und fröhlich marschiert man los, ausgerüstet mit der richtigen Kleidung und genügend Proviant. Es gibt im Übrigen kein schlechtes Wetter, es gibt nur eine unpassende Kleidung. Es macht Spaß, seinen Weg in der Sonne zu gehen, aber auch im Regen kann eine Gegend anmutig und schön sein. Erst recht im Schnee. Vor allem sind die Wanderwege dann kaum überlaufen.
Hat man dann eine gute Strecke zurückgelegt und sich an der schönen Natur erfreut, kommt eine Rast gelegen. Zum Beispiel auf einer Bank oder, wenn keine Sitzgelegenheit in der Nähe ist, bei einem markanten Punkt. Das kann eine Stelle mit besonders schöner Aussicht sein, ein Baum, der Schatten spendet, oder auch ein Kreuz am Wegrand. Auf dem Bild oben sehen Sie das Priorkreuz. Es steht im Hohen Venn, nicht weit von Baraque Michel entfernt, und ich fotografierte es auf einer Wanderung vor wenigen Jahren. Viele Kreuze im Hohen Venn erzählen von tragischen Geschehen, dieses jedoch ist Zeuge früherer Grenzstreitigkeiten. Die hat es zu allen Zeiten gegeben, und leider gibt es auch heute noch Auseinandersetzungen um Land und Boden. Die Menschen haben aus der Vergangenheit nichts gelernt. Viele jedenfalls nicht. Mir fällt in diesem Zusammenhang ein spanisches Sprichwort ein: Wenn einer nicht will, können zwei nicht streiten. Wie schön wäre es, wenn man es beherzigte!
Nun ist ein Kreuz aber auch immer ein Zeichen der Hoffnung. Hoffnung, dass Gegner sich versöhnen, im Großen wie im Kleinen; am Gartenzaun oder an der Landesgrenze. Ich habe da eine ganz eigene Philosophie, die ich Ihnen gerne mitteilen möchte: Der Herrgott hat für unsere Erde lediglich drei Grenzen geschaffen: Zwischen Tag und Nacht, Land und Meer, Leben und Tod. Das sind keine Striche auf Landkarten, die man mit Waffengewalt verschieben will oder kann. Damit meine ich nicht, dass man die unterschiedlichen Kulturen, Ansichten und Lebensgewohnheiten in einen Topf werfen, gut umrühren und alles vermischen soll. Es geht vielmehr um die gegenseitige Achtung, um Respekt und Akzeptanz. Mag sich jeder seine eigenen Gedanken darüber machen.
Wenden wir uns ab von Grenzen und Auseinandersetzungen und betrachten wir die schöne Natur. Auf Wanderungen kommt man nicht nur der Schöpfung näher, wenn man Augen, Ohren und Herz dafür öffnet, sondern auch Gott. Wie sehr zeugen selbst kleine, unscheinbare Dinge von seinen Wundern. Und manchmal geben sie auch einen Hinweis.
Da ist eine Raupe am Wegrand – lasst sie bitte leben. Mag sie auch dem angeblichen Schönheitsideal nicht entsprechen mit ihrem stacheligen, glatten oder haarigen Aussehen, mit den großen dunklen Augen, einem grünen oder braunen, gelb, rot, hell oder dunkel betupften Leib, der sich mühsam über den Boden windet bis zur nächsten Pflanze, sie ist dennoch ein wichtiger Teil der Schöpfung, und eines Tages bewundern Sie einen Schmetterling, anmutig und schön. Er war vielleicht gerade diese Raupe.
Noch etwas lehrt uns eine so kleine Raupe: Sie verpuppt sich. Das muss ihr wie das Ende vorkommen. Doch es ist erst der Anfang. Der Beginn eines neuen Lebens. Als Schmetterling. Wenn Gott aus einer kleinen, unscheinbaren Raupe einen wunderschönen Schmetterling erwachsen lässt, um wie viel mehr vermag er das Leben eines Menschen am Ende seiner Tage in einem neuen Licht erstehen zu lassen?
Wir haben das Osterfest und Christi Himmelfahrt gefeiert, Pfingsten und Fronleichnam sind die letzten christlichen Feiertage vor dem Sommer. Die Sonne steigt auf ihren höchsten Punkt und tritt dann ganz langsam den Rückzug an. Noch lange merken wir es nicht, der Herbst liegt noch fern. Doch der Kreislauf des Jahres ist unaufhaltsam, wie der Kreislauf des Lebens.
Ist es nicht schön zu wissen, dass unser Leben in Gottes Hand liegt? Dass ER die Zeit in seinen Händen hält? Ich lasse mich gern in seine Hand fallen. Denn dort bin ich geborgen.
Genießen wir die schönen Sommertage, das Wachsen und Blühen, die Sonnenstrahlen, aber auch den Regen in dankbarer Zufriedenheit.
Das wünscht Ihnen
Ihre
Helga Altenburg




